Georgii-Gymnasium Esslingen am NeckarGeorgii-Gymnasium Esslingen am Neckar
Georgii-Gymnasium Esslingen » Unterricht » Fächer » Geschichte » Zeitzeugen » Judith Galarza

Judith Galarza

Judith Galarza im Kampf gegen das Verschwinden

Die Theodor-Haecker-Preisträgerin zu Gast am Georgii-Gymnasium

Nach der Verleihung des Esslinger Theodor-Haecker-Preises, welchen Judith Galarza am 22. Juli 2007 für ihren politischen Mut und ihre Aufrichtigkeit erhalten hatte, kehrte sie am darauffolgenden Tag schon wieder zu ihrer Arbeit zurück. Begleitet von ihrer Übersetzerin und Unterstützerin Irene Jung sowie von Frau Antonin als Vertretung der Stadt Esslingen besuchte sie am 23. Juli das Georgii-Gymnasium, um der Jahrgangsstufe 12  in der Aula Rede und Antwort zu ihrer Arbeit als Menschenrechtlerin zu stehen.
Die 52-jährige gebürtige Mexikanerin wurde in der Grenzstadt Ciudad Juárez geboren. Heute lebt sie in Venezuela und arbeitet als Generalsekretärin bei Fedefam (Federación Latinoamericana de Asociaciones de Familiares de Detenidos-Desaparecidos), dem Dachverband der Verbände Angehöriger von gewaltsam Verschwundenen in Lateinamerika. Sie setzt sich für die Rechte der Frauen in Mexiko, die Menschenrechte in Südamerika sowie für die Aufklärung von zahlreichen Fällen Verschwundener und Gefolterter ein.
Um zu verstehen, warum diese Arbeit gerade in Judith Galarzas Heimat von so großer Wichtigkeit ist, muss man die politische und wirtschaftliche Situation in Ciudad Juárez etwas näher kennen. Galarzas Geburtsstadt ist Teil der NAFTA-Freihandelszone, einem ca. 11.000 km langen Grenzstreifen zwischen den USA und Mexiko, der seit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA), das 1994 zwischen den USA, Kanada und Mexiko geschlossen wurde, besteht. Seitdem kann dort steuerfrei produziert werden; diese begehrten, da billigen Produktionsstätten brachten jedoch viele Probleme für die mexikanische Bevölkerung mit sich: die zu 70 % weiblichen Arbeitskräfte wurden und werden wahrscheinlich auch heute noch nicht menschenwürdig behandelt, vielmehr handelt es sich bei deren Arbeit um „moderne Sklaverei“, wie Judith Galarza, die selbst eine Zeit lang mit ihrer Schwester in einer dieser Fabriken, den so genannten Maquilas oder Maquiladoras, gearbeitet hat, die Verhältnisse beschreibt. Die Frauen hätten morgens und nachmittags jeweils 5 min lang die Gelegenheit gehabt, die Toiletten zu benutzen, ansonsten hätten im Akkord importierte Einzelteile zusammengesteckt werden müssen. Um den aufgrund von Schwangerschaften entstehenden Arbeitsausfall zu vermeiden, hätten die Frauen regelmäßig ihre benutzten Monatsbinden vorzeigen müssen, was einer Erniedrigung gleichgekommen sei. Fedefam habe diese Fabrik – eine von 2500 dort angesiedelten Industrieparks - inzwischen verklagt, Judith Galarza weiß allerdings nicht, wie die aktuelle Situation dort ist.
Dass die Situation auch uns betrifft, sollte uns spätestens mit den dort produzierten Produkten deutlich werden, die bei uns verkauft werden. Dabei handelt es sich vor allem um elektronische Geräte. Absurd ist dabei, dass die in Mexiko billig produzierten Produkte dort selbst teuer verkauft werden. Grund hierfür ist der Wirtschaftskreislauf: Die fertigen Produkte werden zunächst zurück in die USA transportiert, von wo aus sie vermarktet werden, anschließend werden sie wieder teuer nach Mexiko importiert. Auch in anderen Bereichen leidet  Mexiko in den Grenzgebieten zur USA stark unter dem Freihandelsabkommen. So ist man dort zum Beispiel stark vom Import von Lebensmitteln abhängig, da durch die Umweltverschmutzung der Industrieparks die Landwirtschaft  in diesen Gebieten fast vollständig vernichtet wurde. Das gravierendste Problem stellt jedoch das „Verschwinden“ von Menschen in diesen Gegenden dar. Allein in Ciudad Juárez sind inzwischen mehr als 400 Menschen verschwunden, rund 370 wurden bereits ermordet. Laut Galarza soll dieses Verschwindenlassen von Menschen die Bevölkerung abschrecken und von einem politischen Aufstand abhalten. Demzufolge sind die Täter meist unter den politischen Führern zu finden, erschreckenderweise sind aber neben Mitgliedern der Drogenmafia auch viele Polizisten und Polizeiführer unter den Tätern. Dies zeigt, dass gegen Gewalttaten dieser Art nicht rechtlich vorgegangenen wird, man muss sogar von einer allgemeinen Amnestie sprechen, die in Mexiko und auch vielen anderen mittel- und südamerikanischen Staaten zu herrschen scheint. Denn auch wenn Ciudad Juárez inzwischen als ein Brennpunkt von Drogenhandel, Prostitution und organisiertem Verbrechen bekannt ist, gibt es solche Verschleppungen auch in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern wie zum Beispiel Argentinien oder Honduras.
Judith Galarza versucht mit ihrer Arbeit gegen diese Verbrechen vorzugehen, gleichzeitig zeigt sie aber auch auf, warum dies so schwierig ist. Sie selbst begann gegen diese Verbrechen zu kämpfen, nachdem ihre zwei Jahre ältere Schwester, Mitglied einer bewaffneten Untergrundorganisation, die gegen die korrupte Regierung kämpfte, im Januar 1978 verschleppt worden war. Galarza selbst sagt, sie könne keine Waffe in die Hand nehmen, vielleicht sei sie ja nicht so mutig wie ihre Schwester, aber beide kämpften den gleichen Kampf mit den gleichen Zielen, der Unterschied liege allein in der Wahl der Waffen. Judith Galarza nahm den Kampf mit demokratischen Waffen auf und begann, Gesetze zur Bestrafung der Täter zu fordern. Dadurch lernte sie auch andere Betroffene kennen und musste feststellen, dass der Protest von Angehörigen oft zu deren eigener Verschleppung führte. 
Die Täter selbst bezeichnen die Verschleppten als Verbrecher; dass sie keine Gerichtsverhandlungen gegen diese einleiten, sondern ihre Gegner verschwinden lassen, sagt viel über deren Führungsstil aus. Ein weiterer Punkt macht dies deutlich: Auf die Frage von Judith Galarza, ob Lateinamerika arm sei, war von vielen von uns Zuhörern, wenn auch zögerlich, ein Ja zu vernehmen. Galarza war es wichtig, dieses falsche Bild über ihre Heimat richtig zu stellen. Lateinamerika selbst ist nicht arm, die Armut betrifft aber den Großteil der Bevölkerung. Die wertvollen Ressourcen und die zahlreichen Universitäten, welche von dem eigentlichen Reichtum dieser Staaten zeugen, bleiben einer kleinen Oberschicht vorbehalten. An dieser ungerechten Verteilung scheint vor allem die Regierung nichts ändern zu wollen, diese unterstütze immer nur die Unternehmen und nie das Volk. Naheliegend stellt man sich dann die Frage, ob es denn nicht anderen Staaten möglich wäre, in diese Geschehnisse einzugreifen. Dass dies bereits der Fall ist, erklärte uns die starke Frau, indem sie das Beispiel USA nannte. Die Vereinigten Staaten seien stark und hätten viel Einfluss, allerdings nutzen sie ihre Macht zur Unterstützung der falschen Position. Anstatt das Volk im Kampf gegen diese Pseudodemokratien zu unterstützen, werden die Folterer aus dem Süden sogar in Schulen der US-Army ausgebildet. Ein Beispiel dafür ist die Folterschule in Georgia, die den Namen „School of the Americans“ trägt. So kommt es, dass Organisationen wie Fedefam zusätzlich noch gegen amerikanische Einrichtungen kämpfen müssen. Auf die Forderung hin, diese Schulen zu schließen, erklärten immerhin Argentinien, Bolivien und Ecuador, dass sie ihre Militärs nicht mehr nach Amerika schicken. Dass dennoch weiterhin Folterer ausgebildet werden, zeigt sich an den erschreckenden Zahlen, die Judith Galarza uns lieferte: Insgesamt gibt es 140.000 Verschwundene, allein 45.000 aus Guatemala sowie 30.000 aus Argentinien. Dass darunter rund 500 Kinder zu den Opfern zählen, zeugt von der Skrupellosigkeit dieser Entführer. Um uns diese Zahlen noch näher zu bringen, erwähnte sie auch die Anzahl der deutschen Staatsbürger, die unter den Verschleppten waren. Bis heute sind es mindestens 50, die „auch von hier“ sind. Bei diesen Opfern handelt es sich um Männer und vor allem Frauen, die gegen die Regierung gearbeitet und für einen anderen, besseren Staat gekämpft haben. Dabei standen der Wunsch nach Sicherheit, Gesundheit sowie der Zutritt zu Bildung und Kultur, vor allem für die jüngere Generation, im Vordergrund. Aber anstatt dass diese Menschen Gehör fanden, wurden sie brutal verschleppt und in Folterlagern gefangen gehalten. Einige von ihnen wurden irgendwann ermordet aufgefunden, manchmal dauert es Tage, manchmal Monate oder sogar Jahre und Jahrzehnte, andere werden nie wieder gefunden. Manchmal tauchten nach Jahrzehnten Fotos auf, die Folterszenen der betreffenden Personen zeigen. Die wenigen, welche diese Folterungen überleben und freigelassen werden, so schildert es Galarza, seien oft nicht mehr lebensfähig, da sie schwere psychische Schäden von der Vergangenheit trügen. Meistens werden die verschleppten Personen auch legal ausgelöscht, d.h. sämtliche Dokumente und Papiere, die auf ein Leben dieser Person hinweisen würden, werden vernichtet. So war es auch bei ihrer Schwester.
Fedefam versucht nun, gegen solche Folterer gerichtlich vorzugehen. Dies ist aber nicht immer ganz leicht, da oftmals die Beweise fehlen. So sieht es die Organisation von Galarza als ihr oberstes Ziel an, den Glauben an das Überleben der Verschwundenen nicht zu verlieren und, so lange man sie nicht gefunden hat, zu versuchen, die vier Grundfragen zu beantworten: Wo sind die Menschen? Wer hat sie? Was wird ihnen angetan? Kann man den Täter vor Gericht bringen? Letzteres spielt dabei die wichtigste Rolle. Die Täter dürften nicht einfach so sterben; Galarza und die anderen Opfer fordern eine angemessene Strafe.
Ein weiteres Ziel Galarzas ist es, zu erreichen, dass alle Länder die UN-Konvention unterschreiben, die besagt, dass das gewaltsame Verschwinden von Menschen als Verbrechen an der Menschheit gilt. Es solle eine Kommission eingerichtet werden, die für Gerichtsverhandlungen vor dem Gerichtshof der UNO gegen solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgehe, so Galarza. Dabei ist zu erwähnen, dass bisher nur 52 von 197 Ländern unterschrieben haben, unter anderem fehlt auch noch die Unterschrift der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem gibt es Länder, die bereits unterschrieben haben, sich aber nicht daran halten. So kam es zum Beispiel im Mai in Mexiko zu zwei weiteren Verschleppungsfällen.
Arbeitstüchtig wie Galarza ist, kam sie nicht nur wegen der Preisverleihung nach Esslingen, sondern hofft, in ihrem Studium der Diplompädagogik weiter zu kommen. Für sie ist der Austausch wichtig und auch sie wollte durch unsere Fragen etwas lernen.
Dass sie sich hier wohlgefühlt hat, zeigte sich an ihrer Freude über unser Leitbild-Glas, das sie als Geschenk von uns erhielt. Sie finde in den Idealen unseres Leitbildes die ihrer Organisation wieder, so Galarza, und sie ermutigte uns, gegenüber den von ihr geschilderten Vorfällen in Lateinamerika nicht gleichgültig zu bleiben. Mit der Gründung von Unterstützergruppen für Fedefam, dem Besuch in betroffenen Staaten, dem Interesse für deren Geschichte und dem Hinaustragen in die Öffentlichkeit nennt sie nur einige Möglichkeiten, wie auch wir etwas zur Aufklärung dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit beitragen können.

Annika Friedrich und Stefanie Schiller

Letzte Änderung: 08.06.2013