Georgii-Gymnasium Esslingen am NeckarGeorgii-Gymnasium Esslingen am Neckar

Lyrisches Lustspiel "Augentrost"

Lyrisches Lust-Spiel
Lyrisches Lust-Spiel
Lyrisches Lust-Spiel
der Gruppe "Augentrost"
der Gruppe "Augentrost"
der Gruppe "Augentrost"
Gedichte in Szene gesetzt
Gedichte in Szene gesetzt
Gedichte in Szene gesetzt

Gedichte in Szene gesetzt. Ein lyrisches Lust-Spiel der Gruppe „Augentrost“
Betrachtungen eines wohlgeneigten Zuschauers

Kann man mit Gedichten Geschichten erzählen,
überleben die Lettern auf Bühnenbrettern,
kann das Wort zum Ort werden,
der Reim zum Sein –
ohne dass das Gedicht zerbricht?

Diesen Fragen nachzugehen hat sich die Gruppe „Augentrost“ zur Aufgabe gemacht. Sie schickt sie – herausfordernd auch an sich selbst gestellt – ihrem „lyrischen Lust-Spiel“ gleichsam als Programm voraus, lässt die Antwort zunächst aber bewusst ausstehen. Sie soll darstellend, darstellerisch eingeholt werden. In den vorausgeschickten, wohl gesetzten, bedachtsamen Worten wird das eigene Tun zweifelnd in Frage gestellt, auf Distanz gebracht und kritischem Erwägen ob der Möglichkeit oder Unmöglichkeit geöffnet. Genau genommen ist die Antwort jedoch bereits in der poetischen Form der Fragen vorweggenommen, sie ist, wenn man so will, schon von Anfang an in Poesie aufgehoben. Für sich nämlich hat die „Truppe junger Lehrer“, wie sich die Gruppe selbst beschreibt, all diese Fragen schon längst und zurecht selbstbewusst mit Ja beantwortet: also nicht nur vorausgreifend im poetisch gestalteten Fragegestus, sondern augenfällig und manifest im phantasiereichen Spiel auf der Bühne.
Und wir? Die Zuschauer in der Aula des Georgii-Gymnasiums am Abend des 3. März 2009? Wir konnten dem schwungvollen, einfallsreichen Agieren der fünf Frauen und zwei Männer nicht nur mit Aufmerksamkeit folgen, sondern Augen und Ohren aufsperren, konnten uns packen lassen von dem wirbelnden Spielwitz, uns mit- und hinreißen lassen von den Kapriolen der Liebe, die uns da vor Augen geführt und zu Gehör gebracht wurden. Alles, was Liebe beschert, war in Worte gefasst: Hoffnung und Enttäuschung, Sehnsucht und Erfüllung, Lust und Leid. Und es wurde umgesetzt in eine Szene, die sich mit Ernst und Witz anschickte, auf gedrängtem Raum das All der Liebe zu durchmessen, in verdichteter Zeit alles Auf und Ab der Leidenschaft einzufangen. Was Dichterinnen und Dichter gestern über die Liebe zu sagen wussten und heute zu sagen sich gedrängt fühlen, gereimt oder ungereimt, was sie Versen anvertraut und in Bilder gegossen haben, das wurde angetippt und ausgespielt, gesprochen und gesungen, vielgestaltig aufgespannt in einem poetischen Kosmos der Liebe, in wechselnden Spiegelungen und überraschenden Facetten, empfindsam, ironisch, ernüchtert, melancholisch, trotzig, nicht zuletzt auch nachdenklich.
Wer Gedichte liest, ist in der Regel mit dem Gedicht allein. Er lässt sich von einem lyrischen Ich ansprechen und integriert die Aussagen in seinen eigenen Verstehenshorizont. Da kann es durchaus geschehen, dass man einem Gedicht gegenüber ratlos bleibt. Gedichte in Szene gesetzt, Gedichte in ein Spiel gefasst sind in einen aktionalen Kontext eingebettet, werden plastisch, leuchten eine Situation aus, in der sie verstanden werden können und Wirkung entfalten. Dialogisch aufeinander bezogene Gedichte schaffen Dynamik, bauen aus Reibung und Widerstand ein Kraftfeld auf, das sprach- und sinngenerierende Energie ausstrahlt. Indessen hält ein Gedicht, in einen Dialog aufgespalten, gleichsam Zwiesprache mit sich selbst, setzt in seinem Innern unterscheidbare Positionen frei und gerät in sich in eine Spannung von Rede und Gegenrede, von Satz und Gegensatz. Die Binnenstrebung eines Gedichts wird wirkungsvoll ausgereizt. Die von der Gruppe „Augentrost“ gebotene Liebeslyrik im Lust-Spiel „Pocht eine Sehnsucht – oder Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“ war ein sinnliches Angebot an Augen und Ohren und entfaltete ein dichtes sinnenhaftes Beziehungsgeflecht von Wort und Geste, Figur und Szene.
Weiß man, dass Augentrost eine Heilpflanze ist, so mag man eine heilsame, kathartische Wirkung in der Vorführung erspürt haben, nimmt man Augentrost, wie in Henriette Vogels überströmendem Liebesbrief Kleist gegenüber, als liebende Anrede, so verdichtete sich im beziehungsreichen Namen der Gruppe die Verwunderung über das Gesehene zur Bewunderung derer, die das Wagnis einer Inszenierung von Lyrik mit so beeindruckender Bravour gemeistert haben. Beides verbindet sich zu herzlichem Dank.