Georgii-Gymnasium Esslingen am NeckarGeorgii-Gymnasium Esslingen am Neckar

Begegnungstage

Eigentlich war unsere Gruppe von neun Schülerinnen und Schülern des Georgii-Gymnasiums in Esslingen mit der Religionslehrerin und Pfarrerin Claudia Schütz und sieben Studierenden der Fachhochschule Esslingen in Begleitung des Hochschulpfarrers Dieter Bullard-Werner nur zur Begegnung zwischen jungen Menschen nach Israel und Palästina aufgebrochen. Bei dem „nur“ war es dann aber nicht geblieben. Nachdem die Reise im Herbst 2008 uns einen anderen Blick auf einen Brennpunkt der Weltpolitik ermöglicht hat und so vielfach den eigenen Standpunkt (neu) infrage gestellt hatte, war allen Beteiligten schnell klar, den trilateralen Gesprächsfaden bei einem Gegenbesuch der jungen Israelis und Palästinenser in Esslingen wieder aufnehmen zu wollen. Vom 22. Juli - 3. August 2009 kamen daher sieben palästinensische Gäste aus der so genannten Westbank und drei junge Israelis aus Jerusalem zu uns nach Esslingen.

Dankenswerterweise erklärten sich mehrere Eltern und eine Kollegin bereit, die jungen Menschen in Gastfamilien aufzunehmen. Der Kontakt gestaltete sich bei manchen Jugendlichen unkompliziert, und es entwickelten sich daraus bleibende Freundschaften. Bei anderen war es dagegen nicht immer leicht gewesen, kulturelle und persönliche Barrieren abzubauen. Die Gruppe als ganze war aber meistens sehr bereit, sich auf die anderen in ihrer Unterschiedlichkeit einzulassen und in jugendlichem Gleichmut manches mitzutragen.

Da diese Begegnung ganz wesentlich durch Bundesmittel gefördert wurde, war es uns möglich, unseren Gästen auch einiges an Programm zu bieten, so zum Beispiel einen Ganztag am Institut für Friedenspädagogik in Tübingen, eine Einheit im Hochseilgarten Plochingen, einen theaterpädagogischen Tag unter fachlicher Anleitung am Jugendwerk in Stuttgart, gemeinsame Tage in einem idyllisch in den Weinbergen gelegenen Haus im Zabergäu, eine Exkursion nach Straßburg und viele Termine und Diskussionsrunden hier vor Ort.

Für die meisten der jungen Leute, die aus der Westbank zu uns kamen, war diese Reise eine Erstbegegnung mit dem „goldenen Nordeuropa“ und so blieben vielfach verstörte und verstörende Reaktionen in der Gruppe nicht aus. Für uns deutsche Teilnehmer lag darin aber auch  die Chance, um von unserem gewohnten Lebenskontext einmal absehen zu lernen und die Problematik eines „ummauerten“ Lebens beispielsweise in der Westbank noch besser verstehen und respektieren zu lernen.
Die eher privaten Gespräche untereinander wie auch die öffentlichen Podiumsdiskussionen waren daher hier und da nicht frei von erhitzten Debatten zwischen Israelis, Palästinensern und Deutschen einerseits, wie auch Palästinensern und Israelis andererseits. Sie machten uns aber nur allzu deutlich, wie viel Verletzungen auf beiden verfeindeten Seiten im Laufe der Jahre und Jahrzehnte, die der Nahostkonflikt schon schwelt, entstanden sind, und wie mühsam und manches Mal aussichtslos erscheinend eine Annäherung der beiden Seiten tatsächlich ist.

Vor allem für diejenigen SchülerInnen, die am Georgii-Gymnasium sich seit Jahren in der Streitschlichterarbeit engagieren, war diese Begegnung ein Erfahrungszugewinn der besonderen Art, denn was tagtäglich in der Schule unter Schülern wie Lehrern nicht ausbleibt – der Konflikt – läuft im politischen Weltmaßstab nicht sehr viel anders ab und folgt den nahezu gleichen menschlichen Mechanismen – hierfür war uns vor allem der Studientag am Institut für Friedenspädagogik in Tübingen sehr wertvoll.

Niemand von uns wollte den Nahostkonflikt verstehen, geschweige denn abschließend deuten, oder gar sich der Illusion hingeben, so etwas wie Frieden ließe sich durch Projekte, wie wir sie durchführten, „bewerkstelligen“. Sinn dieser Begegnung war es vielmehr, auf beiden Seiten Sichtweisen zu bereichern, vielleicht auch hier und da zu verändern, das noch bessere Zuhören und Hinsehen zu üben und den Dialog mit den Betroffenen zu suchen, statt in gelehrter Weise etwas darüber zu lesen und dies dann zur Grundlage der eigenen Bewertung zu machen. Denn – wie sagt der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung!“ Und von Ambrosius, dem Kirchenvater, kann man lernen: „Nicht der Mensch findet die Wahrheit, sondern die Wahrheit findet den Menschen!“
Deshalb manchem Unkenruf zum Trotz: Wir empfanden die Begegnung bereichernd und keineswegs als „vertane“ Zeit, selbst wenn einige der SchülerInnen des Georgii dafür in die „heiligen Sommerferien hineinschafften“!

Wie es möglicherweise weitergehen kann mit diesem Kontakt, muss gegenwärtig offen bleiben. Das hat verschiedenste Gründe. Jetzt in den Sommerferien jedenfalls fahren deutsche Jugendliche der Gruppe wieder in die Westbank…Das Dranbleiben an diesem Kontakt könnte wertvolle und vor allem für junge Menschen immer von neuem erlebbare und gestaltbare „Friedensarbeit“ im kleinen Maßstab bedeuten – und was lehrt wohl besser als die eigene lebendige Erfahrung?!

Pfarrerin Claudia Schütz

Letzte Änderung: 03.04.2017

Fotos

Gruppe der Teilnehmer