Georgii-Gymnasium Esslingen am NeckarGeorgii-Gymnasium Esslingen am Neckar

Portrait Alina Bronsky

Wer ist Alina Bronsky?

Versuch eines Portraits

Alina Bronsky ist ein shooting star am Himmel der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur. Als Fräuleinwunder hat man sie bezeichnet. Ob das schmeichelhaft oder heimtückisch, ob Ausdruck von Anerkennung oder Arroganz ist, lässt sich nicht auf Anhieb beurteilen. Die Betroffene selbst nimmt dieses Etikett gelassen, hält es für „toll und lustig“, was für ihre Großzügigkeit und Unbefangenheit spricht. Eitelkeit und Selbstsucht jedenfalls sind ihr völlig fremd. Das ist nicht selbstverständlich angesichts des medialen Aufsehens, den ihre beiden Werke in der literarischen Öffentlichkeit erregt haben. Ihr erster Roman „Scherbenpark“ wird inzwischen in Schulen gelesen: „Zwischen Lessing und Goethe habe ich einen guten Stand bei den Schülern“, meinte sie in einem Interview augenzwinkernd.

Ihr Name ist ein Pseudonym. Sie hat ihn sich selbst ausgesucht, um ihr Privatleben vor ihrem öffentlichen Schriftstellerleben zu schützen. Er fiel ihr nach langem Grübeln im Schlaf ein, in Anlehnung an den russischen Dichter und Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky und die Bronx, eine Assoziation mit ihrem ersten Roman „Scherbenpark“, der in einem deutschen Ghetto-Viertel spielt. Ganz korrekt ist der Name vielleicht doch nicht gewählt und sollte es wohl auch nicht sein, echt russisch müsste es nämlich Bronskaja heißen.

Alina Bronsky ist 1978 in Jekaterinburg geboren, einer Millionenstadt knapp jenseits des Ural, also in Asien, die zur Sowjetzeit 1924 bis 1991 Swerdlowsk hieß und wo übrigens 1918 die russische Zarenfamilie von den Bolschewisten ermordet wurde. Ihre Eltern sind beide Wissenschaftler, der Vater Physiker, die Mutter Astronomin.

Mit zwölf Jahren kam sie nach Deutschland, wo sie mit ihren Eltern zuerst in Marburg lebte. Sie fand Deutschland damals vor allem sauber, hier könne man mit Strümpfen auf den Straßen gehen. Bald zog die Familie nach Darmstadt, wo Alina Bronsky auf ein privates Gymnasium ging. Nach dem Abitur hat sie ein Medizinstudium begonnen, es bald aber abgebrochen, dafür bei einer Frankfurter Tageszeitung volontiert und für eine Werbeagentur als Werbetexterin gearbeitet. Sich Sprüche für Sekt und Schokolade auszudenken fand sie auf Dauer eine schreckliche Arbeit, da sie in Wirklichkeit schon immer Schriftstellerin werden wollte. „Ich wollte immer nur Bücher schreiben“, erklärte sie. Noch in Russland, mit acht Jahren schrieb sie ihre erste Kurzgeschichte. Inhalt: Ein Kind wird von Außerirdischen entführt. Schon in Deutschland, 14 Jahre alt, schickte sie das Manuskript eines Vampir-Romans an den Suhrkamp-Verlag. Es wurde höflich abgelehnt.

Alina Bronsky hat sich von dem bekannten Frankfurter Literaturagenten Georg Simader betreuten lassen. Den Namen ihres jetzigen Lektors, Olaf Petersenn, hatte sie schon früh gehört und ein Porträt über ihn gelesen. Das war noch, bevor sie zur Veröffentlichung entschlossen mit dem Schreiben ihres ersten großen Romans angefangen hatte. Als sie ihn fertiggestellt hatte, googelte sie noch nach zwei weiteren Lektoren und schickte allen dreien eine Email, in der sie sich kurz vorstellte und ihren Roman beschrieb. Alle drei haben daraufhin das Manuskript angefordert. Von zweien hat sie schließlich eine Zusage bekommen, was eine wirklich außergewöhnliche frühe Anerkennung bedeutet.

Ihr Debütroman „Scherbenpark“ um eine siebzehnjährige Russin, die von Moskau nach Deutschland übersiedelt ist und in einem Hochhaus-Ghetto lebt, kam 2008 im renommierten Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch heraus, wurde viel gelobt und war gleich ein Bestseller. Er wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erschien unter anderem auch in Italien und den USA. 2008 hat sie am Lesewettbewerb um den Bachmann-Preis in Klagenfurt teilgenommen, den Preis allerdings nicht gewonnen. Dafür hat sie wichtige Erfahrungen, weniger mit dem Schreiben als vielmehr mit dem Literaturbetrieb gemacht, wie sie belustigt in einer Glosse unter dem Titel „Bestimmt das nächste Mal“ mitteilt. Entgegen der Intention der Autorin wurde „Scherbenpark“ vielfach als Jugendroman wahrgenommen, 2009 sogar von einer Kritikerjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Ausschlaggebend dafür war wohl die halbwüchsigen Protagonistin, die dem Roman ihre freche, altkluge Erzählstimme leiht.

Ihr zweites Buch „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ ist 2010 erschienen und wurde sofort auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gesetzt. Es ist ihrer eigenen Angabe zufolge ein ziemlich böser Großmutter-Roman; ihre eigene Oma aber liebt sie, schwört Alina Bronsky. Fast täglich pflegt sie den Kontakt mit ihren Großeltern in Sibirien und gibt ihnen Anteil an ihrem Leben als immer berühmter werdende Schriftstellerin. Bei einem Besuch ihrer Oma in Deutschland, nachdem sie sich 15 Jahre nicht gesehen hatten, hat sie deren typische Fürsorge aber doch über sich ergehen lassen müssen; Oma brachte einen Koffer voller Lauchpiroggen und Zimtschnecken mit. Wie die geschmeckt haben? Normal. Doch für Zimtschnecken hat sie nicht viel übrig, da sie ihr zu teigig sind. Gesagt hat sie das ihrer Oma aber vorsichtshalber nicht.

Alina Bronsky ist 32 Jahre alt, geschieden, lebt mit ihrem Freund in der Nähe von Frankfurt und hat drei Kinder. Sie schreibt deutsch, spricht aber mit ihren Kindern russisch und serviert ihnen, ob sie wollen oder nicht, den von ihr seit jeher geliebten russischen, nussigen Buchweizenbrei mit einem Geschmack, den man mögen muss und der so eigen ist, dass die Schriftstellerin ihn einfach nicht beschreiben will und kann. Familienleben, Kindererziehung und Schriftstellerei müssen miteinander verflochten werden und im Idealfall nahtlos ineinander gehen. Ihre elfjährige Tochter hat Alina Bronsky, weil sie dort Lese- und Interviewtermine wahrzunehmen hatte, letzthin auf die Frankfurter Buchmesse mitgenommen, woraufhin die Tochter ihre Sicht und ihre Eindrücke ganz im Sinne einer aufgeschlossenen, wie selbstverständlich in den Literaturbetrieb hineinwachsenden Expertin zusammengefasst hat: „Ich liebe Bücher, ich liebe Buchläden und ich liebe Buchmessen.“ Da besteht dann wohl durchaus die Hoffnung, dass sie einmal in die Fußstapfen ihrer Mutter tritt.