Georgii-Gymnasium Esslingen am NeckarGeorgii-Gymnasium Esslingen am Neckar

Griechisch

Im Anfang war das Wort, oder: Wozu lernen wir Griechisch?

„Mich drängt’s, den Grundtext aufzuschlagen“, spricht Goethes Faust und meint damit das griechische Original des Johannesevangeliums. Grundtexte schlagen wir immer auf im Griechischunterricht – Grundtexte der Literatur, Grundtexte der Philosophie, Grundtexte der  Geschichte, Politik, Kunst, Religion: Grundtexte deshalb, weil sie Denkmodelle bieten, mit denen sich – in Annahme oder Ablehnung – alles europäische Denken auseinandergesetzt hat, ja vielmehr erst das Denken gelernt hat.

Von den Griechen lernen, heißt argumentativ denken lernen  (logizesthai), heißt, das eigene Denken im Gespräch (dialogos) darzulegen und über dieses Denken Rechenschaft abzulegen  (logon didonai). Wissenschaftliches Denken ist zuallererst griechisches Denken. „Im Anfang war das Wort (logos)“, übersetzt Faust den Beginn seines Grundtextes und mag  sich damit nicht zufrieden geben: Zu Recht, denn haben wir den griechischen Logos nicht soeben mit „Rechenschaft“ wiedergegeben? „Vernunft“ wäre ebenfalls ein geeigneter Ausdruck.
Aber auch damit können wir nur eine Seite des griechischen Begriffs logos erfassen. Wie wir die Übersetzung auch drehen und wenden, wir müssen uns für eine Version entscheiden: Übersetzen bedeutet immer sich festzulegen. Hinter dem so schlichten Satz des Johannes steht ja keineswegs allein die Schöpfung durch das „Wort“ des hebräischen Gottes, sondern mindestens ebenso sehr die griechische Vorstellung von einer vernünftigen, gesetzmäßigen Ordnung, die aller Welt zugrunde liegt und sich im griechischen Begriff kosmos („Ordnung, Welt, Schmuck“) kristallisiert hat. Dafür hat das Deutsche kein Wort – ohne die Kenntnis ihrer Sprache lässt sich eine Kultur nicht begreifen.

„Solon, Solon,“ ruft ein Ägypter bei Platon, „ihr Griechen seid doch immer Kinder!“ Und wirklich: Wie Kinder treten die Griechen an die Welt heran, ihr neugieriges, anfängliches Fragen kennt keine Befangenheit – und ihre Fragen sind auch unsere Fragen.

Wo der praktische Nutzen bleibt?

Griechisch ist kein Ersatz für die modernen Wissenschaften, wohl aber eine sinnvolle und notwendige Ergänzung. Die Beschäftigung mit den Gedanken der Griechen verleiht der eigenen Praxis einen theoretischen Standpunkt, der das Ganze nicht aus den Augen verliert. Die Fragen der Griechen zwingen zu persönlichen Antworten und verhelfen uns so zu Klarheit über eigene Lebensentscheidungen. In der Auseinandersetzung mit griechischem Denken entwickeln wir geistige Flexibilität und einen Möglichkeitssinn, der auf dem Wissen gründet, es könnte stets auch anders sein – wahrlich keine geringe Kompetenz in einer Welt, die uns ein lebenslanges Lernen abverlangt.

Ein Ausflug in die geistige Landschaft der Griechen,  oder: Was schützt ein  Naturschützer?

Wer wollte sich nicht zur Erhaltung der „Natur“ bekennen? Als Übersetzung des griechischen Begriffs physis hat das lateinische Wort natura Eingang in alle europäischen Sprachen  gefunden – und doch entfernen wir uns mit einem Ausflug „in die schöne Natur“ meilenweit von dem, was die Griechen unter physis verstanden.

Wir treten in ein spannendes Gespräch mit den Denkern am Anfang der europäischen Philosophie und spüren der Natur in der Philosophie des Aristoteles nach. Warum haben die Griechen noch keine naturwissenschaftlichen  Experimente im modernen Sinne durchgeführt? Wie sind sie  dennoch zu Wegbereitern der europäischen Naturwissenschaften geworden? Worin unterscheidet sich modernes Naturverständnis  von dem griechischen? Wie ist es in der Neuzeit zu diesem Wandel gekommen? Weshalb haben sich Atomphysiker wie Werner Heisenberg so intensiv mit der physis der Griechen beschäftigt? Ganz gewiss lohnt ein Ausflug zu den Griechen, um am Ende besser zu verstehen, wie wir der „schönen Natur“ und ihrer Erhaltung wieder ein Stück näher kommen können.

Metamorphosen der Kunst, oder: Was bleibt, wenn der Mythos sich wandelt?

Latein zu sprechen und zu hören war in Europas höheren Schulen  noch im achtzehnten Jahrhundert gang und gäbe. Auch die kleine Oper Apollo et Hyacinthus des erst elfjährigen Wolfgang Amadeus  Mozart basiert wie selbstverständlich auf einem lateinischen Text. Wie können wir einen solchen Text lebendiger erfahren als durch  eigenes Singen und Musizieren? Aber diese schlichte und zugleich  anrührende Opernmusik verständnisvoll zu spielen vermag doch nur  derjenige, der auch ihren Text versteht. So erfahren wir etwas vom  Wesen des griechischen Mythos, seiner unendlichen Wandlungsfähigkeit und Faszination für die europäische Kulturgeschichte: Griechische und lateinische Texte von Lukian und Ovid verraten  uns, was die Antike von Hyazinth und seiner Metamorphose zu erzählen wusste.  Werke von Bildenden Künstlern wie Cellini, Rubens und Tiepolo  führen uns mit ihren Interpretationen des Mythos durch die europäische Kunstgeschichte. An Mozarts lateinischer Oper und ihrem Libretto erleben wir, was die Sprache der Musik zur unendlichen Geschichte des Mythos beitragen kann.

Mechaniker am Rednerpult? Oder: Was hat uns die antike Rhetorik zu sagen?

Eine „Herstellerin der Überredung“ sei die Rhetorik, sagt Aristoteles, und wie oft sind wir auf sie angewiesen! Ist aber die Macht des Wortes nicht ganz und gar gewissenlos? Kaum jemand hat wohl so tief über die Problematik der Rhetorik nachgedacht wie Platon – im Griechischunterricht verstehen wir, was uns gegenüber der verführerischen Kunst der Rede so misstrauisch macht.
Und dennoch: Auf die Kunstgriffe (mechanai) der Rhetorik verzichten wollen wir trotz aller Skepsis nicht. Wie funktioniert also die  „Mechanik“ ihres Erfolges? Demosthenes kräftigte seine Stimme, indem er gegen die Brandung des Meeres sprach, und zeigte so: Ohne  Übung und Unterweisung kein Erfolg. Wo aber lernen wir die Regeln kunstgerechter Rhetorik?
Redner wie Cicero mussten sich im täglichen Wettbewerb der Meinungen bewähren: Ihre Grundsätze sind zur Redeschule Europas geworden. Wie erfüllen wir die drei Aufgaben eines guten Redners –  docere, delectare, movere (belehren, erfreuen, bewegen)? Welche Schritte führen von der Sammlung des Materials bis zum Vortrag? Welche Regeln sind beim Vortragen zu beachten?
Der altsprachliche Unterricht bietet nicht nur eine Fülle eindrucksvoller Beispiele, sondern auch anschauliche Anleitungen, die wir gemeinsam erproben und überprüfen können.

Leidenschaftliche Berührung, oder: Wem begegnen wir im griechischen Theater?

Wer sich mit dem Theater beschäftigt, kommt um das Griechische  nicht herum: Ob er nun von  Tragödie oder  Komödie spricht, ob von  Episode oder  Szene, die Griechen begleiten uns überall. Und da ist es kein Zufall, dass auch die  Empathie aus dem Griechischen stammt: Sich in einen Charakter hinein zu fühlen ist nicht  nur eine dem griechischen  Drama ganz gemäße Form der Annäherung. In der Verkörperung des ersten Schauspielers etwa, des  Protagonisten, erleben wir buchstäblich, was pathos bedeutet: Leidenschaft und Mitleiden im Leid des Anderen, das doch auch unser eigenes sein könnte.
Wer eine Rolle spielt, muss Stellung beziehen. Problemen, wie sie  beispielsweise durch Antigone und ihren  Antagonisten Kreon aufgeworfen werden, können auch wir nicht ausweichen: Wie verhalten wir uns als Einzelne gegenüber der Gemeinschaft? Wann fängt individuelle Entfaltung an, sozial unverträglich zu werden? Wo liegen die Grenzen zulässigen menschlichen Handelns?  Die Begegnung mit der Antike im szenischen Spiel, sie ist immer  auch eine Begegnung mit uns selbst. Die Griechen fragen – wir antworten. Persönlich!


(Quelle: Das Europäische Gymnasium, Herausgeber: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg)

Letzte Änderung: 15.02.2016