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Stolpersteine 2010

Projektarbeit von SchülerInnen der Klasse 11 A im Schuljahr 2009/2010

Stolpersteine für Theodor Rothschild und Rosi Ruben (geb. Schul)

Zunächst stand erst einmal nur der Wunsch im Raum, das Thema III.Reich und Holocaust nicht als reinen Unterrichtsstoff  zu behandeln, aus Sicht der Schülerinnen und Schüler „es sich nicht nur anzuhören“, sei es im Fach Geschichte, Deutsch oder Religion, sei es im Gespräch mit einem Zeitzeugen, oder sei es durch eine Exkursion nach Dachau. Dagegen war das starke Interesse der Schülerinnen und Schüler spürbar, etwas tun zu wollen, produktiv zu werden. Es ging also um die Erfahrung, dass man selber etwas tun kann, dass man mit bedrückenden Themen konstruktiv und irgendwie sinnstiftend umgehen (lernen) kann und so die schweren Themen aus der Rückschau neu und anders bedacht und sodann über sie auch anders gedacht und geurteilt werden kann.

Recht schnell stellte sich heraus, dass das Theodor Rothschild Haus und die dort ansässige Jugendhilfeeinrichtung ein starkes Interesse daran hatte, dass im Gedenken an die Pädagoginnen und Pädagogen wie auch die Kinder des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses Stolpersteine verlegt werden sollten. Also besuchten wir das Haus und verabredeten uns mit Frau Stengel, einer ehemaligen Leitungskraft der Jugendhilfeeinrichtung und mit Arndt Montag, einem Sozialpädagogen des Hauses, die uns notwendige Erstinformationen über das Haus und seine Geschichte gaben. Das war im Frühjahr 2009. Nach dem Treffen war der Tenor in der Gruppe: Wir wollen uns das noch einmal durch den Kopf gehen lassen und melden uns dann wieder…!
Im September mit Beginn des neuen Schuljahres war es dann klar, dass wir das Projekt angehen wollten. Es fiel eine klare Entscheidung der Gruppe: Wir trauen uns das Projekt aus eigener Kraft zu und wollen es in einer klaren Kooperation mit der Jugendhilfeeinrichtung durchführen. Diese Entscheidung war dann verbindlich. Im Spätherbst wurde ausgehandelt, wer welche Aufgabe übernehmen wollte: Recherchearbeit in Bibliotheken – eine Gruppe sollte zu Theodor Rothschild, eine Gruppe zu einer weiteren Person recherchieren, die erst noch gefunden werden sollte. Eine Gruppe übernahm es,  Kontakte zur Stadt zu knüpfen bzw. mit Arndt Montag und der Stiftung Jugendhilfe enger zusammen zuarbeiten im Blick auf alle Fragen, die mit der Verlegung der Steine vor Ort in Zusammenhang standen. Eine weitere Gruppe nahm Kontakt mit Gunter Demnig, dem Künstler, auf und eine andere Gruppe überlegte sich eine geeignete Sponsoringstrategie. 
Jede Gruppe musste sich sodann ein eigenes tragfähiges Konzept erarbeiten, Aufgaben verteilen und diese auch termingerecht erledigen. Das setzte Vertrauen voraus: Vertrauen, dass die zur Verfügung gestellte Zeit eigenverantwortlich genutzt wurde, dass sich die Gruppe eine Organisation und Regeln gab, und dass man auch bereit war, aus Sackgassen, in die man sich manövriert hatte, als Gruppe gemeinsam wieder herauszufinden. Reibungsverluste waren unvermeidlich, aber bekanntlich erzeugt Reibung ja auch Wärme…
Dazu waren die regelmäßigen Runden im Plenum überaus nützlich! Hier wurde referiert, was man ermittelt und erarbeitet hatte, an welchen Überlegungen man gerade herum dachte, was noch nicht lief, es wurde geschimpft, getadelt und gelobt. Wenn alle über den Stand der jeweiligen Projektarbeit informiert waren und mit dem Stand der Arbeit zufrieden waren, oder neue Anregungen ausgetauscht und aufgenommen worden waren, gingen die Gruppen wieder auseinander und arbeiteten eine Zeit lang wieder autonom.
So kamen viele gute Ideen zusammen und alle hatten das Gefühl, dass es „ihr Projekt“ wird!
Eine Jungensgruppe nahm Kontakt mit Ismar Schorsch, dem Enkel Theodor Rothschilds in New York auf. Wie macht man das? Was schreibt man da? Wie spricht man einen renomierten Professor an? Es klappte: man bekam Antwort, man lag in der Tonlage also richtig…!
Eine Mädchengruppe entschied sich bewusst dafür, einer Frau einen Stolperstein setzen zu wollen. Rosi Ruben (geb. Schul) – sehr viel mehr wussten sie anfangs nicht. Lebte sie noch, war sie schon verstorben – wen musste man fragen, um wirklich verlässlich Auskunft zu erhalten? Das war gar nicht so einfach! Aber es waren die eigenen Erfahrungen … und eigene Erfolge, als sich heraus stellte, dass sie noch lebte und in London wohnt. Ein reger Kontakt per Brief und Telefon entstand, und die Gruppe entschied: Wir wollen Frau Ruben einladen! Wie finanzieren wir das? Wir mussten uns also mit der Jugendhilfeeinrichtung abstimmen, wer welche Kosten übernehmen kann, und was noch aus eigener Kraft gestemmt werden musste? So entstand auch ein wertvoller Kontakt zur Stadt in Gestalt von Frau Fahrion, die spontan die Kostenübernahme für die Flüge vonseiten der Kommune zusagte. Ein weiteres Erfolgserlebnis! Fazit: Das Projekt kostete die Schule keinen Cent, denn die Spendefreudigkeit der übrigen Sponsoren vor Ort war -  selbst in Zeiten einer drohenden Rezension - beachtlich! Auch hier war die Frage an die Gruppe: Wie spricht man Menschen an, von denen man Geld haben möchte für ein Projekt? Wie schreibt man einen Sponsorenbrief? 

Schließlich war alles organisiert – das Programm für den öffentlichen Präsentationsabend am 30. April entworfen und gemeinsam verantwortet. Textcollagen, Musik und Interviewteile, damit sollte dem Publikum an diesem Abend nahe gebracht werden, was für eine prägende Gestalt der Reformpädagoge Theodor Rothschild gewesen war, und welches Schicksal und welches Glück zugleich die damals sehr junge Erzieherin Rosi Schul erfahren hatte – mit der harschen Ausweisung aus dem Deutschen Reich im Jahr 1938, die ihr aber letztlich das Leben rettete, während Theodor Rothschild das Bleiben und Ausharren das Leben gekostet hatte. Mithin am beeindruckendsten war aber letztlich die 95 jährige Rosi Ruben, die mit geistiger Wachheit und großer Menschlichkeit an diesem Abend zu den Anwesenden sprach und ihre Erinnerungen erzählte!

Am Tag drauf – dem 1.Mai – wurden dann die Stolpersteine am Rothschild Haus verlegt. Ein Gedanke, den Gunter Demnig an diesem Tag einbrachte, bleibt in besonderer Erinnerung: Stolpersteine haben nicht nur die Funktion Gedenksteine zu sein, sie besitzen für manche auch die Kraft Abschlusssteine zu sein. Manche Überlebende würden dies so empfinden, meinte Demnig. Es finde darin etwas an sich Unfassbares eine äußere Form, könne daran in gewisser Weise festgemacht werden. Nicht, dass man das Thema damit erledigt geben könne. Die Spannung und Herausforderung von Loslassen und Erinnern bleibt also bestehen – sie ist unauflösbar. 
Was mag der Stein für Rosi Ruben jetzt wohl bedeuten?! Wir wissen es nicht – das heißt: wir wissen es noch nicht! Aber wir können sie jetzt fragen, denn sie hat uns eingeladen, wann immer wir in London sind, sie besuchen zu dürfen. Und mit dieser Großzügigkeit und Güte ist eine ganz neue Geschichte ermöglicht worden… mal sehen, was wir draus machen?!

Ach ja, wir sind schon an einem neuen Projekt  – eine Fahrt mit Schülerinnen und Schülern der Jugendhilfeeinrichtung und uns nach Auschwitz im nächsten Schuljahr – planen können wir ja jetzt, Interesse haben wir in jedem Fall und Unterstützer finden sich ganz bestimmt! 

Die Schülerinnen und Schüler der Religionsgruppe Klasse 11Aaund Frau Schütz

Letzte Änderung: 03.04.2017

Fotos

Die Beteiligten
Stolperstein
Rosi Ruben im Gespräch