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„Mich hat man vergessen“ – Eine Zeitzeugin berichtet über die Judenverfolgung im „Dritten Reich“

Esslingen, 27.01.2020 (K.T.) – Aus Anlass des 75. Jahrestags der Befreiung des KZ Auschwitz hatten einige Schüler des Georgii-Gymnasiums eine einmalige Gelegenheit: Gemeinsam mit Schülern anderer Schulen konnten wir am Freitag, 24.01.2020 an einem Zeitzeugenbericht einer Holocaust-Überlebenden an der Freien Evangelischen Schule Esslingen teilnehmen.

Die 1930 in Prag geborene Eva Erben erzählte eindrücklich von ihrem Leben als jüdisches Mädchen im Zweiten Weltkrieg. Ausgehend von Ihrem Leben zusammen mit Eltern, Haushaltshilfe, Hund und Vogel in Prag verhärtet sich der Antisemitismus ab 1939 immer mehr. Spürbar war das auch für die damals 8-jährige Eva. Die Familie musste ihre Haushaltshilfe entlassen, Hund und Vogel abgegeben und Eva durfte die Schule als Jüdin nicht mehr besuchen.

Als Elfjährige wurde Eva mit ihren Eltern ins Ghetto nach Theresienstadt gebracht. Hier trennte man den Vater von der Familie. Doch schnell war das für 7 000 Menschen ausgelegte Lager überfüllt; mehr als 70 000 Juden lebten zu dieser Zeit in Theresienstadt. Im Oktober 1944 wurden die Männer in ein „neues Lager“ gebracht. Einige Wochen später erhielten auch Frauen und Kinder die „Erlaubnis“ zu folgen. Heute weiß Eva Erben, dass die Hoffnung, ihren Vater dort wiederzusehen, nicht erfüllt werden konnte: Das „neue Lager“ war nicht etwa eine Erweiterung oder Verbesserung von Theresienstadt. Eva und ihre Mutter kamen nach Auschwitz. Später erfuhr Eva, dass ihr Vater zu diesem Zeitpunkt schon getötet worden war. Das Mädchen selbst überlebte viele brenzlige Situationen. Sehr erschreckend fand ich, wie ihr zwei Schneidezähne von einem Aufseher ausgeschlagen wurden, als sie versuchte, sich einen rechten Schuh zu holen, da ihr zwei linke zugeteilt worden waren.

Da Eva sich als 18-jährige ausgab, wurde sie nicht gleich getötet, sondern gemeinsam mit ihrer Mutter und vielen weiteren jüdischen Frauen auf den so genannten Todesmarsch geschickt. Immer wieder wurden Frauen, die sich von den 30 täglich zu laufenden Kilometern erschöpft ausruhten, erschossen. Während dieses Todesmarsches starb auch Evas Mutter.

Eva selbst zog sich bei einem Halt in einem Heuschober in eine Ecke zurück und schlief ein. Als sie aufwachte, war sie alleine. Wie der Titel ihres Buches schon sagt: sie wurde vergessen. Dies war  ihr großes Glück. Vollkommen abgemagert, sie wog zu dieser Zeit gerade einmal 22 kg, machte sie sich auf, Menschen zu finden, die ihr helfen würden. Auf dem Weg wurde sie ohnmächtig und erwachte in einem Bett bei einer christlichen Familie. Diese Familie pflegte sie gesund und behandelte Eva wie eine eigene Tochter, nicht wissend, dass Eva Jüdin war. Nach dem Kriegsende fand Eva entfernte Verwandte, ging schließlich jedoch in das Waisenhaus nach Prag, wo sie eine Freundin aus dem KZ wiedertraf. Zusammen begannen sie die Krankenschwesterausbildung. Mit 17 Jahren lernte Eva ihren späteren Mann Peter kennen. Gemeinsam zogen sie nach Israel, wo sie noch heute als Mutter und Großmutter lebt.

Nach diesen Erzählungen hatten wir die Chance Fragen zu stellen und erhielten das von Eva Erben geschriebene und signierte Buch „Mich hat man vergessen“.

Am Ende hatte Frau Erben einen wichtigen Appell an uns alle:

„Ihr könnt etwas verändern, ihr seid die Welt von morgen. Ich kann es nicht mehr, ich bin die Welt von gestern. Also: Informiert euch, wehrt euch, tut etwas!“

Ich bin dankbar, eine der letzten Zeitzeugen persönlich erlebt zu haben und bewundere Ihre Offenheit und Bereitschaft, uns Ihre Erfahrungen weiterzugeben.

Kira T. (Klasse 9)

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Letzte Änderung: 27.01.2020

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