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Beeindruckende Geschichtsstunde

Gespräche mit Zeitzeugen haben am Georgii-Gymnasium Tradition. Professor Ismar Schorsch hat aber nicht nur die Schoah überlebt. Der Enkel des Esslinger Pädagogen Theodor Rothschild ist ein hoch angesehener Wissenschaftler und Experte für deutsch-jüdische und deutsche Geschichte. So erleben die Schülerinnen und Schüler eine beeindruckende Geschichtsstunde - und lernen auch noch englisch.

Von Dagmar Weinberg 

Dass der 1935 in Hannover geborene Ismar Schorsch englisch mit den jungen Frauen und Männern spricht, liegt nicht etwa daran, dass er die Heimat und Sprache seiner Vorfahren ablehnt. „Durch meinen Großvater Theodor Rothschild und meinen Urgroßvater Leopold Stern habe ich ganz tiefe Wurzeln in Esslingen und Deutschland.“ Doch Ismar Schorsch war gerade einmal drei Jahre alt, als seine Familie von den Nazis vertrieben wurde. Um in der Fremde wieder als Rabbiner arbeiten zu können, habe sein Vater ganz schnell englisch gelernt. „Und das ist dann auch unsere Familiensprache geworden“. Die deutsche Schriftsprache beherrscht der promovierte Historiker, Judaist und Rabbiner hingegen perfekt. „Ich kann sogar Sütterlin lesen“, verrät er den Schülern. Denn der 77-Jährige hat als Wissenschaftler die deutsch-jüdische und die deutsche Geschichte durchdrungen. Für ihn ist klar, dass der Sündenfall Deutschlands nicht erst mit dem 30. Januar 1933, also der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, begann. „Alles was passiert ist, ging auf den Ersten Weltkrieg zurück.“ Der endete für Ismar Schorsch übrigens erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall der Mauer. „Gorbatschow ist einer der Helden in meinem Leben, weil er die tiefe Kluft zwischen Ost und West, die eine der Ursachen der Kriege war, überwunden hat.“ Weil man Deutschland durch den Versailler Vertrag die alleinige Schuld am Ersten Weltkrieg gegeben und das Land mit „nicht erfüllbaren Reparationsleistungen belegt hat“, habe sich der extreme Nationalismus ausbreiten können. „So wurde der Grundstein für den nächsten Krieg gelegt“, macht er den bestens vorbereiteten, hoch konzentrierten Schülern der Abschlussklassen des Georgii-Gymnasiums deutlich. Schwer wiegt für den Historiker der nicht zuletzt durch den Versailler Vertrag verursachte wirtschaftliche Niedergang der Weimarer Republik. „Für die politische Stabilität ist nichts gefährlicher als eine hohe Arbeitslosigkeit und der Abstieg der Mittelschicht. Das bereitete Hitler den Boden“, unterstreicht Ismar Schorsch und mahnt, dass die EU diese Gefahr in Griechenland und den anderen in eine wirtschaftliche Schieflage geratenen Mitgliedsstaaten nicht außer acht lassen dürfe. 
„Bollwerk der Demokratie“
Wie den Nationalsozialismus könne man auch den Genozid an den europäischen Juden nicht isoliert betrachten. Der während des Ersten Weltkriegs begangene Völkermord an den Armeniern durch die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reichs „blieb von der Weltgemeinschaft völlig ungestraft, und das hat Hitler gewusst.“ Auch Russland habe keinen Finger krumm gemacht, um den Aufstand im Warschauer Ghetto („das war die einzige große Widerstandsaktion der Juden“) oder die polnische Untergrundbewegung zu unterstützen. „Stalin war so brutal wie Hitler, und so wurde der Genozid zu einem weltweiten Verbrechen“, verdeutlicht der Professor in seiner frei gehaltenen Rede.
Ob er heute in Deutschland einen Völkermord wieder für möglich halte, „etwa an anderen Religionen wie den Muslimen“, wollte ein Schüler wissen. Ismar Schorsch schüttelt den Kopf. „Deutschland hat ein sehr solides politisches System und ist ein Bollwerk der Demokratie - in Europa und der Welt.“ War das 20. Jahrhundert von Nationalismus geprägt, „ist im 21. Jahrhundert, das Sie alle repräsentieren, der Nationalstaat nicht mehr identisch mit einer ethnischen Gruppe“. So gelte es jetzt und in Zukunft, die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen in einem Staat zu integrieren.
Heute haben Schülerinnen und Schüler noch einmal Gelegenheit, mit Ismar Schorsch ins Gespräch zu kommen. Um 14.30 Uhr beginnt im Festsaal des Theodor-Rothschild-Hauses eine rund zwei Stunden dauernde öffentliche Schülerveranstaltung.
 
Artikel vom 29.01.2013 © Eßlinger Zeitung

Letzte Änderung: 03.04.2017
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